Der Kormoran


Der Kormoran, der Vogel des Jahres 2010, hat sein Winterquartier in unseren Breiten bezogen. Nicht immer zur Freude der Fischer. Obwohl der Kormoran ein regulärer Bestandteil der österreichischen Natur ist, stellt seine große Zahl in den Wintermonaten häufig ein Problem dar.
Dr. Wolfgang Honsig-Erlenburg Landesfischereiinspektor und Amtssachverständiger für Gewässerökologie und Fischerei spricht mit dem Kärntner Institut für Seenforschung (KIS) über den Kormoran.
KIS: Jedes Jahr in den Wintermonaten erscheint das Thema Kormoran in den Medien. Der Kormoran ist in unseren Breiten nicht heimisch?
Dr. Honsig-Erlenburg: Der Kormoran ist ein Nahrungsgast, er bezieht bei uns sein Winterquartier. Die Kormorane kommen im Herbst, im Oktober aus dem Norden; aus dem Baltikum, Norddeutschland, Polen, Dänemark und ziehen im Frühjahr wieder zurück.
Am Wörthersee und am Millstätter See gibt es auch einzelne „Übersommerer“, die in Kärnten aber keinen wirtschaftlichen Schaden anrichten.

KIS: Wie viele Kormorane kommen jährlich nach Kärnten?
Dr. Honsig-Erlenburg: Seit Mitte der 90er Jahre kommen jährlich rund 300 Vögel zu uns.

KIS: Gibt es denn auch Brutkolonien in Kärnten?
Dr. Honsig-Erlenburg: In Kärnten gibt es keine Brutkolonien. Jedoch brütet der Kormoran in Österreich zeitweise an der Donau. Außerdem gibt es eine Brutkolonie am Bodensee.

KIS: Nicht immer wurde die Wanderung des Kormorans so stark thematisiert. Wodurch wurde sein Auftreten zum Problem?
Dr. Honsig-Erlenburg: Seit ca. 1997 gibt es einen deutlichen Anstieg der überwinternden Kormorane in unseren Breiten. Durch sein zahlreiches Auftreten europaweit wurde der Vogel 2004 sogar von Birdlife International als nicht gefährdet eingestuft.
Früher wurde der Kormoran bejagt. Die EU-Gesetzgebung sowie das Kärntner Naturschutzgesetz hat dieses dann untersagt. Auch das hat sicher teilweise zu einer Vergrößerung der Population beigetragen. Durch eine Änderung in der Tierartenschutzverordnung darf der Kormoran nun wieder bejagt werden.
Der Bestand hat sich aber vor allem durch die Bedingungen, die die Vögel vorfinden vergrößert. Sie wandern mit dem Nahrungsangebot. Erst gab es in Kärnten kaum Vögel, ihr Vorkommen in Österreich war zuerst vor allem auf die Donau begrenzt. Aber nach ihrer explosionsartigen Vermehrung mussten sie auf ihrer Suche nach Nahrung auch auf die übrigen Gebiete Österreichs ausweichen.

KIS: Wovon ernährt sich der Kormoran? Welche Auswirkungen hat das auf die Gewässer und den Fischbestand?
Dr. Honsig-Erlenburg: Der Kormoran ernährt sich von Fischen, bei uns sehr gerne von Äschen, da diese in Schwärmen auftreten und so leichter zu bejagen sind. Die Äschenpopulationen werden von den Kormoranen in unseren Breiten lokal erheblich dezimiert. Im Gailtal gibt es Gebiete, in denen sich die Äschen nach dem Aufkommen der Kormorane nicht mehr erholen. Um für gesamt Österreich zu sprechen, auch in der Enns wurde der Bestand an Äschen so stark dezimiert, dass sich dieser nicht mehr erholen kann. In diesen Fällen ist durchaus von einem ökologischen Schaden zu sprechen. Sonst ist der Schaden meist nur fischereiwirtschaftlich.

KIS: Wirkt sich das Auftauchen des Kormorans auch auf die biologische Vielfalt in Gewässern aus bzw. hat es Auswirkungen auf gefährdete Arten?
Dr. Honsig-Erlenburg: Die Äsche ist entsprechend der Roten Liste Österreich weit gefährdet Ihr Bestand wird regional auch durch den Kormoran dezimiert. Indirekt ist gebietsweise auch der Huchen davon betroffen, da er sich heute mangels des Fehlens von „Weißfischen“ von Äschen ernährt. Der Huchen wird laut Roter Listen Fische als stark gefährdet eingestuft.

KIS: Welche Gewässer Kärntens sind bei den Kormoranen besonders beliebt?
Dr. Honsig-Erlenburg: Wenn es nicht so kalt ist und die Drau nicht zufriert, findet man die Kormorane vor allem an den Stauen der Drau. Hier richten sie auch, global gesehen, nicht so großen Schaden an. Ein größeres Problem stellen sie dar, wenn sie in die Äschenregionen ausweichen.
Diesen Winter ist z. B. der Millstätter See zugefroren, so sind jene Kormorane, die sich sonst in der Region aufhalten an Gewässer wie die Möll ausgewichen, dort fressen sie dann vorwiegend die Äschen, wodurch es in einem Gewässer wie der Möll durchaus zu hohen Ausfällen kommt.

KIS: Wie groß darf die Fischentnahme an einem Gewässer sein, um das Ökosystem nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen?
Dr. Honsig-Erlenburg: Um nachhaltig zu wirtschaften, kann in einem Salmonidengewässer in etwa ein Drittel der Biomasse entnommen werden, ein Cyprinidengewässer verkraftet einen Ausfall ca. eines Fünftels. Entwendet der Kormoran mehr, bleibt so natürlich weniger für die Fischerei übrig.

KIS: Wie groß ist der Rückgang des Fischbestandes in Gewässern, in denen Kormorane jagen?
Dr. Honsig-Erlenburg: Bis zu 90 Prozent in manchen Äschenregionen. In größeren Gewässern sind die Bestandsausfälle oft kaum nachweisbar.
Der Fischbestand ist rückläufig, daran ist der Mensch mit seinen Eingriffen in das Ökosystem maßgeblich beteiligt. Bäche werden reguliert und ein gesamter Talraum kann nicht restrukturiert werden, da Siedlungen dies verhindern. Auch wenn sich eine Renaturierung durchaus positiv auswirkt. Durch die nicht mehr natürlichen Fließgewässer trifft der Kormoran auf eine veränderte Situation. Es ist oft schwer zu sagen, wie viel des Ausfalls dem Kormoran zuzuschreiben ist. Er kann in Einzelfällen einem Fischbestand den letzten „Todesstoß“ geben.

KIS: Eine Renaturierung der Flüsse und Gewässer wirkt sich positiv auf den Fischbestand aus. So kann auch der Kormoran keinen so großen Schaden anrichten. Gibt es in nächster Zukunft Renaturierungsmaßnahmen in Kärnten?
Dr. Honsig-Erlenburg: Ja, im Rahmen der Wasserrahmenrichtlinie sollen bis 2015 einige Gewässer in Kärnten renaturiert werden.
Die Lavant in St. Paul wurde bzw. wird demnächst aufgrund des Baus der Koralmbahn auf einer Strecke von 1,5 km verlegt. Der neue Verlauf wird revitalisiert und natürlich verlaufen.
An der Oberen Drau und im Gailtal laufen LIFE Projekte zur Revitalisierung und auch die Glan bei Ebenthal und die Lavant bei Mettersdorf wurden naturnah gestaltet.
In nächster Zeit wird es einige Renaturierungsprojekte geben, dies betrifft auch die Glan im Zollfeld und die Lavant.

KIS: Wenn gar nichts mehr hilft, ist es erlaubt, den Kormoran zu schießen oder gibt es weitaus sinnvollere Methoden ihn zu vertreiben?
Dr. Honsig-Erlenburg: Das Vertreiben des Kormorans ist nicht sehr wirksam. Der Kormoran ist ein intelligenter Vogel, er lernt, fliegt ein Stück weiter und kommt dann wieder zurück. Außerdem löst Vertreiben das Problem nur örtlich, da der Kormoran weiterzieht und Schaden an anderen Gewässern anrichtet.
In Kärnten war der Kormoran bis zum Jahr 1989 geschützt. Seit 2006 kann der Kormoran laut Kärntner Tierartenschutzverordnung von Oktober bis April geschossen werden. Schießen darf aber nur der Jagdberechtigte.
Pro Jahr werden in Kärnten ca. 50 bis 100 Kormorane geschossen. Trotz Abschuss kommen jedoch im Jahr darauf wieder nahezu gleich viele auf ihrer Wanderung zu uns. Werden sie möglichst früh im Winter vergrämt, kann der Schaden verringert werden.
Eine Änderung der jetzigen Lage kann jedoch nur durch einen europäischen Managementplan bewirkt werden. Derzeit ist Dänemark dazu übergegangen, die Brut teilweise zu reduzieren. Das Problem ist nachhaltig jedoch nur gemeinsam mit der Ornithologie und für gesamt Europa zu lösen.